Sechs Jahre nach der Abschaltung - AM-Sendetechnik in Wavre noch vorhanden

Wer das Internet nach Material über Sendeanlagen durchforstet, begegnet durch das Hobby der „Urban Exploration“ schnell der einst gemeinsamen Sendestation der Rundfunkanstalten VRT und RTBF in Wavre bei Brüssel. Dort ist die AM-Technik auch sechs Jahre nach der Einstellung des Betriebs noch immer komplett vorhanden, allerdings in keinem Fall mehr nutzbar.
Dieses Video des Sendersaales ist offenbar erst vor kurzem aufgenommen worden. Augenscheinlich sind alle Ausrüstungen bis heute unberührt. Die Antennen – noch prominent hier zu sehen – wurden hingegen 2021 größtenteils abgerissen.
Da sich in unmittelbarer Nachbarschaft ohnehin eine UKW/TV-Anlage befindet, scheint das Anfang der 50er Jahre errichtete Gebäude der AM-Sender nach wie vor beim französischsprachigen belgischen Rundfunk RTBF zu liegen und nicht völlig verlassen zu sein.
Schon die Architektur gibt Kunde von der einstigen Bedeutung des Objekts. Für sich spricht auch die Ausstattung eines Reservestudios, das nicht nur Notbehelf war, sondern selbst ein Detail aufweist, das in jüngeren Studiozentren kaum noch zu finden ist: Eine schalltote Ecke für spezielle Sprachaufnahmen ohne Raumklang.

Der flämische Rundfunk VRT hatte die Nutzung der Kurzwellensender in Wavre schon 2001 beendet. Zuletzt gab es noch Spezialitäten wie die Ausstrahlung der deutschen Sendung am Abend über eine eigentlich für Südasien ausgelegte Rhombusantenne. Das war eine für den Osten von Deutschland bestimmte Ergänzung zur Mittelwelle.
Bis 2005 lief das VRT-Auslandsprogramm, Radio Vlaanderen Internationaal, über Sendeanlagen in den unterschiedlichsten Ländern bis hin nach Südafrika und Kanada. Dann entfiel dessen Kurzwellenverbreitung. An die Stelle der Hörfunkproduktionen in Fremdsprachen trat insgesamt ein Textangebot, auch auf Deutsch.
Zum Ende des Jahres 2011 wurde Radio Vlaanderen Internationaal schließlich auch formell aufgelöst. Das war verbunden mit der Abschaltung der letzten VRT-Mittelwelle 927 kHz.
Deren Röhrensender von Brown, Boverie & Cie (Schweiz) stand in der inzwischen eliminierten Sendestation Wolvertem. Bis 2008 kam von dort außerdem die Frequenz 1512 kHz, tagsüber mit 25 kW (Transistorsender Nautel/Kanada) als Stadtfrequenz für Brüssel, abends mit 300 kW (Röhrensender Telefunken über Dipolantenne) für internationalen Raumwellenempfang.

RTBF wiederum hatte den Auslandsdienst (in der alten Ausprägung mit Übernahmen vom deutschsprachigen BRF in Eupen) schon 1990 erstmals eingestellt. 1999 wurde er über die (zuletzt auch von VRT genutzte) Sendestation Jülich noch einmal aufgenommen.
2006 ersetzte RTBF die Übertragungen aus Jülich durch einen neuen, in Wavre aufgebauten Sender des seinerzeit zum Thales-Konzern gehörenden Herstellers. Das war eine der gravierendsten Fehlinvestitionen in AM-Sendetechnik, denn diese – stets auf Frequenzen am oberen Rand des 31-Meterbands beschränkten – Übertragungen endeten schon mit dem Jahr 2009 wieder.
Kurz danach entfiel auch die Nutzung der Hotbird-Satellitenplattform. In der letzten Phase verblieben eine nur mit großem Aufwand zu empfangende, für das einstige Belgisch Kongo bestimmte Satellitenübertragung im C-Band sowie die Mittelwelle 621 kHz.

Für letztere war ebenfalls noch ein neuer Sender, hier von der damaligen Telefunken in Berlin, beschafft worden. VRT stellte hingegen 2008 auch die Ausstrahlungen auf der Mittelwelle 540 kHz ein und zog sich damit aus Wavre zurück.
Am Silvesterabend 2018 nahm RTBF schließlich seine Mittelwelle 621 kHz und damit den AM-Teil der Sendestation Wavre insgesamt außer Betrieb. Diskussionen um die Versorgung der 310.000 in Flandern lebenden Französischsprachler vermied man mit einer Vergraulungstaktik: Gegen Ende wurden Sendezeit und Sendeleistung immer weiter reduziert.

Wenige Wochen später entfielen die Übertragung im C-Band und die darüber bespielte UKW-Frequenz in Kinshasa ebenfalls. Mit diesem letzten unverschlüsselten Satellitensignal von RTBF verschwand, wie schon sieben Jahre zuvor bei VRT, die Hülle des einstigen Auslandsdienstes auch hier.
Beitrag von Kai Ludwig; Stand vom 24.11.2024